Projekt “unHEIMlich schön”, 2022
Der Ausdruck „unheimlich schön“ verbindet Bedeutungskomponenten wie „furchtbar“, „schrecklich“, „angsterregend“ auf widersprüchliche Weise mit positiver Wertung, so kann man jemanden oder etwas „unheimlich gern haben“; im Wortstamm liegt das „Heim“ als „vertrautes Zuhause“ verborgen.
Bei diesem ortsbezogenen Projekt setze ich mich mit den Plattenbauvierteln in Greifswald, also den sozial schwachen Wohnräumen der Stadt auseinander. Nicht nur die Altstadt, die sich den Namen und das Erbe des Malers Caspar David Friedrich zunutze macht, sollte saniert und für gutsituierte Bürger_innen und Tourist_ innen attraktiv bleiben, sondern auch die Randgebiete, in denen schließlich die meisten Menschen der Stadt leben.
Eine unheimliche Schönheit wohnt der Ästhetik der Plattenbauten inne. Ich selbst bin in Plattenhäusern in Naberežnye Čelny in Russland geboren und aufgewachsen (zu Sowjetzeiten hieß die Stadt Brežnev). Diese Stadt wurde als Zukunftsideal, als Musterbeispiel des kommunistischen Urbanismus gebaut.
Als ich fünf Jahre alt war, sind wir vom Randbezirk mit einem wunderbaren Fichtenwald und Resten dörflicher Gegend, aus einem fünfstöckigen Haus in ein neunstöckiges im Zentrum der Stadt gezogen. Dort war alles größer und höher, gleich aussehende neunstöckige, gar zwölfstöckige Hochhäuser standen dicht aneinandergereiht wie graue, gleichförmige Quadrate, als ob ein Kind versucht hätte, die höchst- und längstmögliche Mauer aus Spielwürfeln zu bauen.
Gegenüber unserem Haus stand eine „Chinesin“, „kitajka“, ein langes neunstöckiges Plattenhaus, das im Volksmund so aufgrund seiner Ähnlichkeit zur Chinesischen Mauer genannt wurde. Es zog sich an zwei Bushaltestellen entlang; die einzige Möglichkeit, den Weg abzukürzen, war ein bogenartiger Tunnel in der Mitte des Hauses, durch den ein ganzer Lastwagen hindurchfahren konnte. Über dem Tunnel ragte das Haus empor.
Als Kind wusste ich nicht, wie die Chinesische Mauer aussehen soll. Mir wurde erzählt, dass es eine sehr hohe, breite und lange Abwehrmauer sei, mehr als tausend Jahre alt, selbst aus dem Weltall zu sehen, und dass dort keine Menschen lebten. Damals dachte ich, dass auch unsere „Chinesin“ aus dem Weltall zu sehen sei. Ich verstand nur nicht, warum hier Menschen lebten, gegen wen unsere „Mauer“ verteidigen sollte. Vielleicht gegen die Autos, die auf der Hauptstraße „des Friedens“, „prospekt Mira“, mit ihren aufheulenden Motoren rasten?
Damals glaubte ich, in einer beängstigenden Welt von Riesen gelandet zu sein. Diese endlosen Reihen an tristen, vielstöckigen Zwillingshäusern bedrückten mich mit ihrer Wucht, Einförmigkeit und Höhe. Ich hatte Angst, mich dem Fenster zu nähern. Wir wohnten im siebten Stock. Ich ging nicht auf den Balkon, sondern kroch förmlich vorsichtig heraus und hielt mich an der Tür fest. Aus irgendeinem Grund schienen mir die kleinen Balkone dieser Häusern unzuverlässig zu sein, wie ein Koloss auf tönernen Füßen jederzeit einstürzen zu können, und es war zu hoch, um herunterzufallen!
Als ich nach Deutschland umgezogen bin, nach Greifswald, wurde ich wieder an meine Heimat erinnert; aus den Fenstern meiner deutschen Wohnung „sehe“ ich die Stadt Brežnev bzw. Naberežnye Čelny. Die Plattenbauhäuser scheinen seit den DDR-Zeiten wie einkonserviert zu sein. Nur der Anstrich wurde aufgefrischt, Aufzüge wurden angebaut und bunte Graffitis an den Seiten angebracht, als ob es genug wäre, um die Lebensqualität ihrer Bewohner_innen zu verbessern.
In Analogie zu den Graffitis, die düstere Plattenbauhäuser schmücken, habe ich in der Projekt „unHEIMlich schön“ feine, zierliche und feminine farbige Stickereien auf grau-schwarzen unmenschlichen Architekturen angebracht. Sie stehen für eine Vergeblichkeit und Nutzlosigkeit, eine Sisyphusarbeit, als ob alle Frauen, die in diesen grauen und gleichförmigen, schachtelartigen Häusern leben, begonnen hätten, einen gemütlichen, schönen Kokon zu spinnen, um diese massiven und brutalen Formen zu verbergen oder zu mildern. Es würde ihnen aber nicht gelingen, die zarten menschlichen Seelen zu schützen, die von der hässlichen Architektur verwundet sind.
Um das klaustrophobische Gefühl von Atemnot, Ausweglosigkeit und Bedrückung zu verstärken, habe ich kleine grafische Arbeiten, „sichtbare und unsichtbare Städte“, in große Passepartouts gesetzt, und die Fotogrammserie „Fragile“ zur Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit von Menschen in die Schubladen eines Architektenschrankes plaziert. Das bedrückende Gefühl wird durch die Installation „one love“ verstärkt, die einen auf depressive Weise in sich geschlossenen Hof im „Ostseeviertel“ in Greifswald, wo ich auch gewohnt habe, dokumentiert. Um den Kontrast zwischen dem Touristenzentrum und dem Plattenbauviertel zu verstärken, habe ich die Installation „one love“ vor dem Hintergrund des mittelalterlichen Klosters Eldena plaziert, einem bekannten Motiv der schaurig- düsteren Gemälde Caspar David Friedrichs, in denen er collagenartig eine ausgedachte Welt mit der realen verband.
Die abstrakteren Arbeiten mit den Plattenhäusern habe ich bewusst auf dem Fußboden oder in Bodennähe, im Kontrast zu den noblen hohen Decken und dem Parkett eines klassizistischen Hauses angebracht, um die Anpassung des „kleinen Menschen“ an unbequeme Lebensbedingungen sozialistischer Bauten nachzuempfinden, der individualistischen Altstadt die Massenbauten der DDR-Zeit in den Randbezirken entgegenzustellen.
In der Serie „Spuren“ habe ich eine feine rosafarbene Spur genäht, die die Stadt und ich gegenseitig in unserer Geschichte hinterlassen haben; in Greifswald sind meine Kinder geboren und aufgewachsen. Diese Serie thematisiert die Angst vor der Zukunft. „Spuren“ finden sich auf dem hölzernen Fußboden der „Brasserie Hermann“ und auf den steinernen Stufen von „Bulls Bar“ in Greifswald; fast hundert Jahre lang haben hier Menschen gelacht, erzählt, gegessen. Werden diese Cafés nach der Pandemie wieder ihre Türen öffnen oder werden nur diese Spuren auf den Fußböden bleiben?
Die Fotografie des Parketts von „Brasserie Hermann“ aus der gleichen Serie liegt auf dem hölzernen Fußboden und steht für die Mimikry von Migranten, die versuchen, sich der Gesellschaft anzupassen, unscheinbar zu werden, mit dem deutschen Umfeld zu verschmelzen; es gelingt ihnen aber nicht wirklich. Ich nehme an, dass der Betrachter in ein Zusammenspiel mit meiner Arbeit „Spuren“ treten und auf der Fotografie seine eigenen Abdrücke hinterlassen kann. (Text: Jana Rot; Übersetzung: Slata Roschal)