JANA ROT

visual artist

unHEIMlich schön

©Jana Rot, Serie "Sichtbare und unsichtbare Städte I", 5-teilig, 2020

artist statement

Ich wurde in einer nicht mehr existierenden Stadt eines nicht mehr existierenden Landes geboren. Mich beschäftigen deshalb Fragen wie: Wer bin ich, woher komme ich oder was ist meine Rolle in der Gesellschaft? Als studierte Historikerin bin ich dabei vor allem an der Erinnerungskultur interessiert, sowohl innerhalb des kollektiven Gedächtnisses als auch innerhalb einer Familie.

Unter diesem Aspekt befasse ich mich auch mit dem Thema Mutterschaft. Was bedeutet beispielsweise "glückliche Kindheit" oder "gute Mutter" und wie wurden diese Fragen etwa zur Zeit meiner Kindheit verhandelt? Woran kann ich mich selbst erinnern und welche Rolle spielen die Frauen im gesellschaftlichen Gefüge, sowohl damals als auch heute?

In meiner künstlerischen Praxis steht deshalb der Prozess der ständigen Reproduktion von Vergangenheit im Zentrum. Da sich Reproduktionen immer vom Original unterscheiden, führt dies unweigerlich zu Verzerrungen, die wiederum unser Handeln bestimmen können.

Um die Kluft zwischen der Realität und ihrer Darstellung herauszuarbeiten, verwende ich bei der Herstellung malerischer und grafischer Arbeiten oft Fotografie und Collage. Mit Stickereien und Textilarbeiten bringe ich dabei auch das Thema Feminismus mit ein.

Mein Motto lautet „unHEIMlich schön“. Der Ausdruck „unheimlich schön“ verbindet Bedeutungskomponenten wie „furchtbar“, „schrecklich“, „angsterregend“ auf widersprüchliche Weise mit positiver Wertung, so kann man jemanden oder etwas „unheimlich gern haben“; im Wortstamm liegt das „Heim“ als „vertrautes Zuhause“ verborgen. Mit künstlerischen Mitteln als „Röntgenstrahlen“ möchte ich komplexe Themen wie gesellschaftliche Brennpunkte, weibliche Unsichtbarkeit, Care-Arbeit, Sexismus, Machtstrukturen und Gewalt gegen Frauen und Kinder beleuchten.

Als Künstlerin möchte ich auf diese Weise Probleme benennen, das Unsichtbare sichtbar machen und so zur Verbesserung der Umwelt und des Lebens der Menschen beitragen.

jana.rot.kunst@gmail.com
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©Jana Rot, Serie „Hidden Mother I. Muttertation“, 10-teilig, 2021–2024

biografie

Jana Rot wurde 1984 in Brežnev, UdSSR, geboren, einer Stadt in der Republik Tatarstan, die inzwischen in Naberežnye Čelny umbenannt wurde. Sie hat in Kasan und Moskau, Russische Föderation, gelebt und studiert, bevor sie 2013 nach Greifswald, Deutschland, zog. Von 2014 bis 2023 studierte sie Bildende Kunst und Slawistik an der Universität Greifswald (Abschluss: Bachelor of Arts). Anschließend studierte sie im Masterstudiengang Bildende Kunst am Caspar-David-Friedrich-Institut (CDFI) der Universität Greifswald (2022-2025). Seit 2021 ist sie Mitglied im Künstlerbund Mecklenburg und Vorpommern e.V. im BBK. Sie nahm als Mentee am Professionalisierungsprogramm mentoringKUNST 2020-2022 für Bildende Künstlerinnen und Autorinnen aus Mecklenburg-Vorpommern teil (Mentorin Sophia Pompéry). Sie war beteiligt am Projekt von Sonderforschungsbereichs Affective Societies - Freie Universität Berlin - „Picturing Postsocialism: A visual anthropology study on the affective dimensions of “renovation” of panel homes in Moscow and Berlin“ in 2021-2022.

Sie erhielt mehrere Stipendien und Auszeichnungen, darunter eine Nominierung für den Nachwuchskunstpreis des Landes Mecklenburg-Vorpommern (2024), ein Reisestipendium nach Linz, Österreich (Atelierhaus Salzamt) vom Mecklenburgischen Künstlerhaus Schloss Plüschow (2022), ein Artist-in-Residence-Stipendium im KHMessen, Alvik, Norwegen (2023), im „CITIZENS ART-LAB: PROTEST ART IN URBAN SPACE“ vom Center for Independent Social Research (CISR) Berlin im Ateni, Georgien (2022), den INSOMNALE-Förderpreis vom Kunstverein Art7, CDFI (2021) und ein Deutschlandstipendium von der Universität Greifswald (2014-2015 und 2023-2024). Ihre Arbeiten wurden auch in Institutionen wie dem Mecklenburgischen Künstlerhaus Schloss Plüschow, dem Literaturzentrum Vorpommern KOEPPENHAUS, dem Kunstverein für Mecklenburg und Vorpommern in Schwerin, dem Museum Kulturforum Schleswig-Holstein-Haus der Landeshaupstadt Schwerin und der Galerie CIRCUS EINS in Putbus gezeigt. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Greifswald.

Geboren in einer Stadt und einem Land, die nicht mehr existieren, ist die künstlerische Praxis von Jana Rot von Themen wie Erinnerung, Reproduktion der Vergangenheit, Identität, weibliche Unsichtbarkeit, Care-Arbeit, Mutterschaft und Feminismus geprägt. In ihrer Arbeit untersucht sie, wie solche Reproduktionen zu Verzerrungen der Realität führen und konzentriert sich darauf, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Jana Rot ist vielseitig in verschiedenen Medien tätig, darunter Malerei, Grafik, Collage, Fotografie, Stickerei, Textilkunst, Keramik und Installation.

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©Jana Rot, Serie „Hidden Mother II. Kinder. Küche. Kunst“, 5-teilig, 2024

©Jana Rot, Serie "Romantik der Plattenbauten", 7-teilig, 2021

unHEIMlich schön

Der Ausdruck „unheimlich schön“ verbindet Bedeutungskomponenten wie „furchtbar“, „schrecklich“, „angsterregend“ auf widersprüchliche Weise mit positiver Wertung, so kann man jemanden oder etwas „unheimlich gern haben“; im Wortstamm liegt das „Heim“ als „vertrautes Zuhause“ verborgen.

Bei diesem ortsbezogenen Projekt setze ich mich mit den Plattenbauvierteln in Greifswald, also den sozial schwachen Wohnräumen der Stadt auseinander. Nicht nur die Altstadt, die sich den Namen und das Erbe des Malers Caspar David Friedrich zunutze macht, sollte saniert und für gutsituierte Bürger_innen und Tourist_ innen attraktiv bleiben, sondern auch die Randgebiete, in denen schließlich die meisten Menschen der Stadt leben.

Eine unheimliche Schönheit wohnt der Ästhetik der Plattenbauten inne. Ich selbst bin in Plattenhäusern in Naberežnye Čelny in Russland geboren und aufgewachsen (zu Sowjetzeiten hieß die Stadt Brežnev). Diese Stadt wurde als Zukunftsideal, als Musterbeispiel des kommunistischen Urbanismus gebaut.

Als ich fünf Jahre alt war, sind wir vom Randbezirk mit einem wunderbaren Fichtenwald und Resten dörflicher Gegend, aus einem fünfstöckigen Haus in ein neunstöckiges im Zentrum der Stadt gezogen. Dort war alles größer und höher, gleich aussehende neunstöckige, gar zwölfstöckige Hochhäuser standen dicht aneinandergereiht wie graue, gleichförmige Quadrate, als ob ein Kind versucht hätte, die höchst- und längstmögliche Mauer aus Spielwürfeln zu bauen.

Gegenüber unserem Haus stand eine „Chinesin“, „kitajka“, ein langes neunstöckiges Plattenhaus, das im Volksmund so aufgrund seiner Ähnlichkeit zur Chinesischen Mauer genannt wurde. Es zog sich an zwei Bushaltestellen entlang; die einzige Möglichkeit, den Weg abzukürzen, war ein bogenartiger Tunnel in der Mitte des Hauses, durch den ein ganzer Lastwagen hindurchfahren konnte. Über dem Tunnel ragte das Haus empor.

Als Kind wusste ich nicht, wie die Chinesische Mauer aussehen soll.

Mir wurde erzählt, dass es eine sehr hohe, breite und lange Abwehrmauer sei, mehr als tausend Jahre alt, selbst aus dem Weltall zu sehen, und dass dort keine Menschen lebten. Damals dachte ich, dass auch unsere „Chinesin“ aus dem Weltall zu sehen sei. Ich verstand nur nicht, warum hier Menschen lebten, gegen wen unsere „Mauer“ verteidigen sollte. Vielleicht gegen die Autos, die auf der Hauptstraße „des Friedens“, „prospekt Mira“, mit ihren aufheulenden Motoren rasten?

Damals glaubte ich, in einer beängstigenden Welt von Riesen gelandet zu sein. Diese endlosen Reihen an tristen, vielstöckigen Zwillingshäusern bedrückten mich mit ihrer Wucht, Einförmigkeit und Höhe. Ich hatte Angst, mich dem Fenster zu nähern. Wir wohnten im siebten Stock. Ich ging nicht auf den Balkon, sondern kroch förmlich vorsichtig heraus und hielt mich an der Tür fest. Aus irgendeinem Grund schienen mir die kleinen Balkone dieser Häusern unzuverlässig zu sein, wie ein Koloss auf tönernen Füßen jederzeit einstürzen zu können, und es war zu hoch, um herunterzufallen!

Als ich nach Deutschland umgezogen bin, nach Greifswald, wurde ich wieder an meine Heimat erinnert; aus den Fenstern meiner deutschen Wohnung „sehe“ ich die Stadt Brežnev bzw. Naberežnye Čelny. Die Plattenbauhäuser scheinen seit den DDR-Zeiten wie einkonserviert zu sein. Nur der Anstrich wurde aufgefrischt, Aufzüge wurden angebaut und bunte Graffitis an den Seiten angebracht, als ob es genug wäre, um die Lebensqualität ihrer Bewohner_innen zu verbessern.

In Analogie zu den Graffitis, die düstere Plattenbauhäuser schmücken, habe ich in der Projekt „unHEIMlich schön“ feine, zierliche und feminine farbige Stickereien auf grau-schwarzen unmenschlichen Architekturen angebracht. Sie stehen für eine Vergeblichkeit und Nutzlosigkeit, eine Sisyphusarbeit, als ob alle Frauen, die in diesen grauen und gleichförmigen, schachtelartigen Häusern leben, begonnen hätten, einen gemütlichen, schönen Kokon zu spinnen, um diese massiven und brutalen Formen zu verbergen oder zu mildern. Es würde ihnen aber nicht gelingen, die zarten menschlichen Seelen zu schützen, die von der hässlichen Architektur verwundet sind.

Um das klaustrophobische Gefühl von Atemnot, Ausweglosigkeit und Bedrückung zu verstärken, habe ich kleine grafische Arbeiten, „sichtbare und unsichtbare Städte“, in große Passepartouts gesetzt, und die Fotogrammserie „Fragile“ zur Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit von Menschen in die Schubladen eines Architektenschrankes plaziert. Das bedrückende Gefühl wird durch die Installation „one love“ verstärkt, die einen auf depressive Weise in sich geschlossenen Hof im „Ostseeviertel“ in Greifswald, wo ich auch gewohnt habe, dokumentiert. Um den Kontrast zwischen dem Touristenzentrum und dem Plattenbauviertel zu verstärken, habe ich die Installation „one love“ vor dem Hintergrund des mittelalterlichen Klosters Eldena plaziert, einem bekannten Motiv der schaurig- düsteren Gemälde Caspar David Friedrichs, in denen er collagenartig eine ausgedachte Welt mit der realen verband.

Die abstrakteren Arbeiten mit den Plattenhäusern habe ich bewusst auf dem Fußboden oder in Bodennähe, im Kontrast zu den noblen hohen Decken und dem Parkett eines klassizistischen Hauses angebracht, um die Anpassung des „kleinen Menschen“ an unbequeme Lebensbedingungen sozialistischer Bauten nachzuempfinden, der individualistischen Altstadt die Massenbauten der DDR-Zeit in den Randbezirken entgegenzustellen.

In der Serie „Spuren“ habe ich eine feine rosafarbene Spur genäht, die die Stadt und ich gegenseitig in unserer Geschichte hinterlassen haben; in Greifswald sind meine Kinder geboren und aufgewachsen. Diese Serie thematisiert die Angst vor der Zukunft. „Spuren“ finden sich auf dem hölzernen Fußboden der „Brasserie Hermann“ und auf den steinernen Stufen von „Bulls Bar“ in Greifswald; fast hundert Jahre lang haben hier Menschen gelacht, erzählt, gegessen. Werden diese Cafés nach der Pandemie wieder ihre Türen öffnen oder werden nur diese Spuren auf den Fußböden bleiben?

Die Fotografie des Parketts von „Brasserie Hermann“ aus der gleichen Serie liegt auf dem hölzernen Fußboden und steht für die Mimikry von Migranten, die versuchen, sich der Gesellschaft anzupassen, unscheinbar zu werden, mit dem deutschen Umfeld zu verschmelzen; es gelingt ihnen aber nicht wirklich. Ich nehme an, dass der Betrachter in ein Zusammenspiel mit meiner Arbeit „Spuren“ treten und auf der Fotografie seine eigenen Abdrücke hinterlassen kann. (Text: Jana Rot; Übersetzung: Slata Roschal)

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Photocredit: ©BioFilm Lucas Treise

©Jana Rot, Textile Installation „MUTTERWUT MUTTERMUT“, 18-teilig, 2024